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Zwiegespräche für Paare

(nach M.L. Moeller und C.M. Fatia )

Zwiegespräche vertiefen die Partnerschaft durch eine Fülle von Momenten, die den meisten nicht bewusst werden, vor allem durch die Steigerung der wechselseitigen Einfühlung. Dabei berichtet jeder dem anderen, wie er sich selbst, den anderen, die gemeinsame Beziehung und die jeweilige Situation gerade erlebt.

Dieser „Austausch von Selbstportraits“ überwindet auf einfache und oft verblüffende Weise die sich nach und nach einschleichende Beziehungslosigkeit, die sonst zu einem inhaltsleeren Nebeneinander statt zu einem lebendigen Miteinander führt.

Zwei Dinge sind wichtig:

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Nehmen Sie sich einmal in der Woche 90 Minuten ungestört (Das wäre die optimale Zeit. Aber auch 30 Min. oder 60 Min. – gerade wenn Sie damit anfangen, sind in Ordnung).

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Sorgen Sie dafür, dass Sie dies regelmäßig tun.

Die Regelmäßigkeit

Die Regelmäßigkeit der Zwiegespräche ist sehr wichtig, damit der „unbewusste rote Faden“ bestehen bleibt und weitergesponnen werden kann. Sie verhindert, dass Konflikte aufgeschoben werden und spart Energie, weil Konflikte schon im Entstehen angesprochen und bearbeitet werden können.

Die Themen

Jeder antwortet auf die innere Frage: „Was bewegt mich im Moment am stärksten?“ Sie schildern, wie Sie sich, den anderen und die Beziehung erleben. Jeder bleibt also bei sich. Das Gespräch hat kein anderes Thema.

Das können Gefühle in der Beziehung sein, aber auch Konflikte am Arbeitsplatz oder Träume. Wichtig ist, dass Sie von sich sprechen und sich Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin mitteilen. „Mitteilen“ kommt von „Teilen“. Teilen Sie, was Sie in Ihrem Leben bewegt.

Zwiegespräche sind kein Offenbarungszwang. Jeder entscheidet für sich, was er sagen möchte, auch wenn größtmögliche Offenheit in der Regel am weitesten führt. Nur so können wir einander wirklich miterleben.

Regeln für das Zwiegespräch

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Schaffen Sie eine Atmosphäre, in der Sie gut miteinander reden können. Achten Sie darauf, dass Sie 90 Minuten lang ungestört bleiben können und lassen Sie sich nicht unterbrechen.

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Dazu suchen beide einen festen Termin in der Woche, der am wenigsten durch anderes gestört wird. Dieser Haupttermin reicht jedoch erfahrungsgemäß nicht aus. Es ist günstig, auch gleich einen festen Ersatztermin zu vereinbaren, der dann gilt, wenn der Haupttermin ausfallen muss.

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Die folgende Viertelstundenregelung hat sich bewährt: Jeder hat fünfzehn Minuten ganz für sich, die er für Sprechen oder Schweigen verwenden kann. Danach ist der andere an der Reihe für seine Viertelstunde. Am Ende der 90 Minuten ist das Gespräch beendet. Es wird nicht „nachdiskutiert“.

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Gehen Sie von sich aus und sprechen in der „Ich- Form“. Angriffe und die daraus resultierende Verteidigung entstehen nur durch die „Du-Form“. Wer in der „Ich-Form“ spricht, macht keine negativen Aussagen über den Partner. Sprechen Sie über Ihre eigenen Gefühle und Wünsche.

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Achten Sie darauf, ob Sie diese Gefühle schon von früher her kennen (wenn Sie diese Gefühle schon aus der Kindheit oder von früheren Partnerschaften her kennen, hilft es Ihnen, den Vorwurf an den jetzigen Partner zu entschärfen).

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Stellen Sie keine Fragen. Mit Fragen können Sie den Partner in die Enge treiben – dann kann er sich nicht mehr auf das konzentrieren, was er eigentlich sagen wollte, sondern ist mit der Beantwortung der Frage beschäftigt.

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Erteilen Sie keine Ratschläge – „Ratschläge können auch Schläge sein“. Ein wichtiger Grundsatz im Zwiegespräch ist, dass jeder bei sich bleibt und an sich selbst arbeitet.

Einige Erfahrungen können für den Anfang hilfreich sein…

Für alle die ganz neu damit beginnen, hat sich bewährt sog. „Vor-Zwies“ zu führen: Beginne mit „Vorgesprächen“, d.h. mit Gesprächen mit deinem Zwiegesprächspartner über das Für und Wider von Zwiegesprächen. In den „Vor-Zwies“ kann jeder seine Vorbehalte, Bedenken und Ängste äußern. Denn wichtig ist ein gemeinsam getragener Konsens, dass Ihr das Zwiegespräch als wertvolle Bereicherung Eurer Beziehung integrieren wollt.

Sie können den anderen nie ändern, obwohl Sie gerade das vielleicht am liebsten tun würden. Mit Glück gelingt es Ihnen, sich selbst zu ändern. Dann ändert sich die Beziehung als Ganzes.

Oft versuchen wir, den seelischen Schwerpunkt im Gespräch von uns selbst auf den anderen zu verschieben. Dann befinden wir uns mit unserem Erleben beim anderen – und haben uns selbst vermieden.

Wenn Sie im Zwiegespräch Ihrem Partner Vorwürfe machen, dann sollten Sie genau diese Vorwürfe auf sich „übersetzen“. Denn fast ausnahmslos machen wir Vorwürfe, um einen unbewussten Druck von Selbstvorwürfen loszuwerden.

Ein starker unbewusster Widerstand versucht, die Zwiegespräche zu verhindern. Oft sorgt er für den Ausfall eines Gesprächs, um dann alles im Sande verlaufen zu lassen. Deshalb kann man sagen: Regelmäßigkeit ist alles – der Rest kommt von selbst.

Nachspüren: Nach jedem Zwiegespräch nehmen Sie sich nochmals fünfzehn Minuten Zeit, um in die Stille zu gehen. Spürt, was sich in euch regt, was in euch an Resonanz schwingt. Möglicherweise spürt ihr eine Betroffenheit über das, was ihr selbst gesagt habt oder was euer Partner gesagt hat. Es geht nicht darum, den Partner, der (nicht) den Mut aufgebracht hat, sich zu offenbaren, zu bewerten (und damit zu kastrieren), sondern darum, euch selbst zu prüfen, welcher Widerstand sich da meldet und wo dieser Widerstand seine Ursache hat.

Fünf Einsichten machen den „Geist“ von Zwiegesprächen aus

Diese Einsichten sind Entwicklungsziele, nicht etwa vollendete Tatsachen oder vorgegebene Regeln. Sie gleichen eher einer Sprache der Zweierbeziehung. Wir können sie mit der Zeit erlernen. Jede Einsicht bringt eine Reihe fundamentaler Änderungen im Alltag des Paares mit sich.

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Wir können lernen, von der wechselseitigen Unkenntnis auszugehen, statt von der gleichen Wellenlänge: „Ich bin nicht du und weiß dich nicht.”
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Wir können lernen, unser gemeinsames unbewusstes Zusammenspiel wahrzunehmen, statt uns als zwei unabhängige Individuen aufzufassen: „Wir sind zwei Gesichter einer Beziehung und sehen es nicht“.

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Wir können lernen, regelmäßige wesentliche Gespräche als Herz und Kreislauf einer lebendigen Beziehung zu begreifen, statt mit Worten unsere Beziehung nur noch zu verwalten: „Dass wir miteinander reden, macht uns zu Menschen“.

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Wir können lernen, in konkreten Beispielen statt in abstrakten Begriffen zu sagen, was wir meinen: „In Bildern statt in Begriffen sprechen“.

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Wir können lernen, auch unsere Gefühle als unbewusste Handlungen mit geheimer Absicht zu verstehen, statt zu meinen, sie überkämen uns wie Angst und Depression von innen oder würden uns von außen zugefügt, wie Kränkung und Schuldgefühl: „Ich bin für meine Gefühle selbst verantwortlich“.

Die Zusammenfassung in Kürze

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Vereinbaren Sie einen Haupt- und einen Nebentermin von 90 Minuten Dauer pro

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Setzen Sie sich im Zwiegespräch face to face gegenüber.

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Das Thema lautet: Ich erzähle dir, was mich zurzeit am stärksten bewegt.

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Schweigen und schweigen lassen, wenn es sich ergibt – Zwiegespräche sind kein Offenbarungszwang.

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Beachten Sie für das erste Jahr die Viertelstundenregelung: Die erste Viertelstunde hat der Eine, die nächste der Andere – dann noch zweimal wechseln.

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Pünktlich beginnen, pünktlich aufhören. Zwiegespräche nie verlängern oder verkürzen.

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Bei sich bleiben – Sie haben in der Welt des Anderen nichts zu suchen.

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Bildersprache: Erläutern Sie sich in kleinen, konkret erlebten Szenen.

Das Kleingedruckte

Vorbehalte wertfrei wahrnehmen

Wir alle sind geprägt durch unsere Vergangenheit. Wir halten uns vielleicht für tolerant. Doch sobald wir uns fünfzehn Minuten lang anhören müssen, was unser Partner an Unerwartetem von sich gibt, spüren wir unsere eigene emotionale Enge. Vielleicht berichtet unser Partner, dass er heimlich Pornos oder Actionthriller anschaut, und wir stehen mit dem Ausdruck „Du Schwein!“ auf und verlassen den Tisch. Die Konsequenz ist dann, dass unser Partner nichts mehr von sich preisgibt und sich innerlich zurückzieht. Dadurch wird der Rahmen, den die Beziehung hat, immer enger, bis sie letztendlich in Rigidität erstarrt.

Symbiotische Beziehungen

In symbiotischen Beziehungen werden Zwiegespräche vermieden oder torpediert, weil beide unbewusst Angst haben vor der Kluft zwischen ihren „Vorstellungen“ über den anderen und dem Erleben des Partners. Ist es dir möglich, die Andersartigkeit zu ertragen, wächst dir im Laufe der Zwiegespräche eine neue Qualität zu:
Die Partner spüren, dass sie erwachsener werden und sich mit fortlaufender Auseinandersetzung seelische Reife, Standhaltevermögen und Ausgewogenheit einstellen.

Minis

Zusätzlich zu den Zwiegesprächen braucht es auch „Minis“ (Mini-Zwiegespräche) bei aktuellem Anlass. Hier spielt natürlich der Zeitpunkt eine große Rolle. Wo es möglich ist, sollte ein Problem „zum natürlichen Zeitpunkt des Entstehens“ besprochen werden, in der Energie des Augenblicks und nicht vertagt werden. Doch wenn dem einen gerade nach einer Aussprache zumute ist und wenn der andere gerade eine wichtige TV-Sendung nicht verpassen will, ist das Gespräch zum Scheitern verurteilt, bevor es begonnen hat. Darum ist die erste Frage: „Passt es uns jetzt herein?“ Und wenn nicht: „Wann sprechen wir miteinander?“ Und: „Wieviel Zeit nehmen wir uns jetzt dafür?“ Wenn der eine spricht, muss der Andere zuhören, ohne zu unterbrechen und danach 3 Minuten warten, bevor er antwortet. Ziel ist nicht der Sieg und nicht der Kompromiss, sondern die Erkenntnis des Besseren.

Aussitzen

Wenn ich nichts zu sagen habe und die fünfzehn Minuten noch nicht abgelaufen sind, schweige ich und warte schweigend, bis die Zeit um ist. Ich bleibe in nonverbalem (Augen-)Kontakt. Nicht wegdrehen, auf den Boden schauen oder aufstehen! Wichtig ist durchzuhalten, um über die Widerstände der beiden Egos hinwegzukommen.

Destruktivität des Sprechers

Es ist wichtig, Zwiegespräche nicht dafür zu missbrauchen, den anderen anzuklagen.

Geduld

Wie bei allem, was man neu erfahren und erlernen möchte, braucht es Übung und Durchhaltevermögen. Es kann 6 Monate bis zu einem Jahr dauern, bis Sie die „Wirkung“ der Zwiegespräche für sich wahrnehmen und spüren können. Damit haben Sie aber auch eine neue Qualität in Ihre Beziehung gebracht. Und eine neue Tiefe allemal.

Wovon man nicht laut spricht, das ist nicht da.

Friedrich Nietzsche

Literatur

Das Zwiegesprächs-Quartett:

»Die Wahrheit beginnt zu zweit. Das Paar im Gespräch«

Michael Lukas Moeller

Taschenbuch, 280 Seiten, Verlag Rowohlt, 28. Aufl. 2008, 9.99 €

»Die Liebe ist das Kind der Freiheit«

Michael Lukas Moeller

Taschenbuch, 205 Seiten, Verlag Rowohlt, 17. Aufl. 2010, 8.95 €

»Worte der Liebe. Erotische Zwiegespräche. Ein Elixier für Paare«

Michael Lukas Moeller

Taschenbuch, 359 Seiten, Verlag Rowohlt, 7. Aufl. 1998, 9.99 €

»Gelegenheit macht Liebe. Glücksbedingungen in der Partnerschaft«

Michael Lukas Moeller

Taschenbuch, 303 Seiten, Verlag Rowohlt, 2. Aufl. 2001, 9.95 €